Keine Romantik. Nichts zum deutschen Wald, zum dunklen Dom, zu den Märchen, in denen der Gang in den dichten Tann als Reise in das Unbewusste gedeutet wird. Als Reifungsprozess der Seele in entsprechender Abgeschiedenheit. Georg Thumbach ist kein Romantiker. Jedenfalls nicht in so vordergründigem Sinn. Er führt die Betrachter ins Holz, das schon. In das Gewirr der Stämme und Äste und Zweige, in hoch Aufgetürmtes, oder in dichte, tief gestaffelte und unendlich scheinende Schichten, die kaum zu durchdringen sind. Aber es ist nicht der Wald der Geheimnisse, dessen Bäume von alten Sagen und Mythen raunen.

Vielmehr stellt Georg Thumbach die Betrachter mit seinen Zeichnungen hinein in ein Über und Über eines Gewirrs aus Wachsendem und Verfallendem. Er konfrontiert sie mit einem ganz eigenen und eigenartigem, einem beinahe abstrakten All Over, mit dem er seine Blätter geradezu überzieht. Ist das noch Natur, also die Komplexität der Wiese, des Feldes, des Waldes (wie ähnlich sich diese Strukturen sind!) oder schon reiner Gestus des Zeichnenden, der ihm aus seinem Unbewussten, dem Zufälligen erwächst? Eine Herausforderung jedenfalls für die Betrachter, die sich zurechtfinden, die diese Bilder lesen wollen: Unwillkürlich beginnen die Augen, in diesem chaotischen Geflecht einen Halt in Bekanntem zu suchen: Man erkennt beinahe dankbar Stämme, Äste, Blätter und registriert Überlagerungen, wie bei einem Gang durch einen Windbruch. Man sucht die vertraute, schon gesehene Struktur, will sich im Wirrwarr zurecht finden, Orientierungspunkte haben, froh um benennbare Blätter, gestürzte Bäume, geknickte Äste, um Boden und Himmel und Blick in die Ferne. So tastet man sich vor, will eindringen. Und doch wehren manche Zeichnungen mit ihrer komplexen Dichte den Blick ab, trotz ihrer illusionären Tiefe. Sie bilden eine undurchdringliche, fast schwirrende, vibrierende Fläche. Manche Blätter scheinen ohne räumlichen Mittelpunkt und zeigen ein Gewirr ohne Anfang und Ende, das sich unendlich auf die Wände, den Boden, die Decke in den Raum des Betrachters hinein bis in die Landschaft draußen fortsetzen könnte.

Wie aber, lässt sich fragen, gelingt es Georg Thumbach, das Bild, die Zeichnung unter solchen, von ihm selbst gewählten Umständen noch zusammen zu halten und ihr die nötige Spannung, Kraft und Dynamik zu geben, damit sie nicht ins gleichförmig Ornamentale abrutscht? Eine der vielen möglichen Antworten gibt er selber, wenn er notiert: „Als Zeichner schaue ich von außen nach innen. Ich zeichne vom ganz Hellen zum ganz Dunklen, bewege mich in die Tiefe.“
Längst ist man da schon weit jenseits des romantischen Waldes angelangt. Jedenfalls jenes aus dem Bild, das Eichendorff sehnsuchtsvoll fragen ließ: „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?“ Ohnehin ist das nicht das Thema, das den Zeichner beschäftigt, wenn er hinausgeht, um vor Ort die passende, meist von der Sonne beschienene, richtige Stelle zu suchen und dann hoch konzentriert mit der Arbeit zu beginnen. Denn viel Zeit bleibt nicht, verändern sich doch mit dem Stand der Sonne das Licht und die Stimmung.

Allein darüber ließe sich viel sagen: Etwa über den Umgang Georg Thumbachs mit der verfließenden, dahineilenden Zeit. Ein Thema, das er in allen Zeichnungen und selbst in seinen Plastiken sichtbar werden lässt. Nicht nur, weil die Spannung zwischen Licht und Schatten zu sehen ist, und zwischen Bewegung und Ruhe.

Manche seiner Bilder zeigen eine Welt, die erstarrt, bewegungslos, ja erstorben zu sein scheint. Andere Zeichnungen vermitteln größte Dynamik, geradezu entfesselte Kräfte. Blickt man tiefer, wird klar, dass der Künstler subtil, fast wie nebenbei, damit auch den existenziellen Kern des Lebens in seinen Zeichnungen benennt:

das Werden und Vergehen. Hier entsteht, dort verweht etwas. Und das im selben Augenblick. Ob angesichts des Mikro – in der Nahsicht des Grases auf dem Feld, wie in der Arbeit „Graspanorama“ von 2001 – oder im Blick auf das Makro, das Größere, wie das Feld oder den Wald und, würde er Sternenwelten zeichnen, käme er vermutlich zu ähnlichen Ergebnissen – wie sich zu seinen zu Fern– oder Nahrohren ausgehöhlten Baumstämmen assoziieren lässt. Allen diesen Sichten ist gemeinsam, was der biblische Psalmist poetisch so ausdrückt:„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Feld; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.“ (Psalm 103,15; Lutherübersetzung). Dies gilt für jedes Leben, wie sich aus den Zeichnungen Georg Thumbachs erschließt.

Allerdings gibt es hier im Werk von Georg Thumbach doch einen Berührungspunkt mit der Romantik. 2002 hatte der Künstler beim Durchblick durch einen von ihm entkernten Stamm die Sicht auf einen kleinen Film ermöglicht, in dem kurz das Bild des berühmten Caspar David Friedrich Bildes „Tetschener Altar“ auftaucht. „Mit Rücksicht auf Friedrich“ hatte Thumbach diese Arbeit genannt. Friedrichs Bild, 1807/08 entstanden, zeigt das Kreuz Christi auf einem Felsen, vor der untergehenden Sonne, wie der Kunsthistoriker Werner Busch nachgewiesen hat – und eingerahmt von Tannen. Busch fasst folgendermaßen zusammen: „Die Naturwahrheit, der Ausgang von der Hingabe an die Natur (…), ist unabdingbare Voraussetzung für religiöse und kosmologische Erfahrung;“.

Eben dieser Naturwahrheit, dem Vergehen und Werden, der Gleichzeitigkeit der Prozesse, dem auch kosmologischen Spannungsfeld von Chaos und Ordnung, widmet sich Georg Thumbach mit seiner Arbeit. Bedeutet doch ohnehin jeder Zerfall die Auflösung bisheriger Strukturen in ein Ungeordnetes – ein Wirr Warr, wie sich der jüdische Begriff aus der Schöpfungsgeschichte „Tohu-Wabohu“ übersetzen lässt – ehe sich eine neue Ordnung herausbilden kann. Dieser Prozess weht einen in den Zeichnungen Thumbachs geradezu körperlich an. Es ist eines der zentralen Themen seiner Arbeit, in der er, wie er es selbst formuliert, immer wieder fragt: „Chaos und Ordnung – wo verläuft die Grenze?“ Diese Grund-Frage, weiß Georg Thumbach, wird ohne Antwort bleiben, da beides gleichzeitig und unlösbar miteinander verbunden stattfindet. Er kann sich nur von Zeichnung zu Zeichnung vorantasten. Kann, und hier greift er Chaos wie Ordnung auf, Wege finden, um sich zu nähern: Wie viel ordnen, wie viel dem Zufall überlassen, dem, das sich fügt? Zeichnen ohne zu denken. Und doch zurücktreten, Distanz und damit Überblick schaffen, ordnen, um sich danach wieder hineinzuwerfen in das Über und Über der Zeichnung.

Im Arbeiten mit Zufall und Überlegung, Chaos und Ordnung hat Georg Thumbach in der letzten Zeit einen neuen Weg beschritten. Ein Wagnis. Denn er folgt in der Arbeit dabei nicht mehr den vorgefundenen Strukturen in der Natur, sondern denen des industriell zerschnittenen, dann zusammengepressten, verdichteten und verleimten Holzes (das aus dem Wald stammt). Oder widersteht diesen Strukturen beim künstlerischen Bearbeiten. Hier fällt dem Künstler das Chaos, das geordnete Ungeordnete gleichsam zu. Die Grobspanplatten, als Baustoff produziert, entstehen aus Holz, das zerstört wird. Durch die großen Späne, die bei dieser Zerstörung entstehen, kann dann eine neue, entsprechende Passform produziert werden. Ein Prozess: Ordnung – Chaos – Ordnung.

Welcher Struktur das Chaos aus hölzernen Fasern beim Pressvorgang folgt, ist dabei zufällig. Und so nutzt Georg Thumbach beides zur selben Zeit, wenn er die Platten als Malgrund nutzt und sie in Mischtechnik bearbeitet, ihren eben zufälligen Strukturen folgt, um dann eigene aus ihnen zu entwickeln. Damit stellt er die Betrachter wieder hinein in das All Over eines Wirrwarrs, eines Tohuwabohus, das seine Spannung durch die gleichzeitige Ordnung bezieht, mit der der Künstler den Raum des Mal- und Zeichengrundes, der Grobspanplatte ordnet. Auch auf diesem Weg setzt sich Georg Thumbach damit dem Spannungsfeld zwischen Chaos und Ordnung aus und bemerkt treffend: „Chaos oder Ordnung? Ich tendiere zu beidem: Chaos ist mir immer willkommen, aber Chaos allein kann es meiner Meinung nach nicht geben.“

(aus: Georg Thumbach, Chaos und Ordnung, Ausst.-Kat. Kunstverein Passau, Dietmar Klinger Verlag Passau, 2013, S. 5-8)

Im Mai 2007 fand in der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ein Interdisziplinäres Symposion mit dem Titel »Der Wald als romantischer Topos« statt. Georg Thumbach hat an diesem Symposion nicht teilgenommen – die Veranstalter wurden zu spät auf seine Arbeit aufmerksam. Wohl aber wurde er mit der Abbildung von vier seiner großformatigen Kohlezeichnungen und einem erläu­ternden Text (den er im Radspielerhaus in München im Januar 2006 bei der Ver­nissage einer seiner Ausstellungen vorgetragen hatte) in der Dokumentation der Veranstaltung (die im Verlag von Peter Lang in Bern 2008 erschienen ist) berück­sichtigt. Die Herausgeberin der Publikation, Frau Jung-Kaiser, war durch einen größeren Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen vom 24. Januar 2008 (verfaßt von Hannes Hintermeier) auf den Künstler gestoßen und hatte bedauert, daß er nicht bei der Tagung dabei gewesen war. In einer kurzen Einführung zum Text von Georg Thumbach schrieb Ute Jung-Kaiser über den Künstler: »Er ist ein Wald-Besessener, dem der Wald Impulsgeber, Materialspender und Bildner zugleich ist«.

Der Wald ist mehr als die Summe der Bäume, die in ihm stehen. Wer das Buch über das seinerzeitige Frankfurter Symposion durchsieht, der erfährt viele Hin­weise auf die Geschichte des Waldes, die vor allem von der deutschen Romantik und mitunter recht unkritisch reflektiert wurde. Die Entwicklung unseres Bildes vom Wald wird da lebendig, von seinem frühen Auftauchen in Gemälden von Albrecht Altdorfer, Wolf Huber und den Künstlern der Donau-Schule – wo er als unwirtliche, bedrohliche und zuweilen gar dämonisierte Zone erscheint – bis hin zu seiner Erhebung zur ebenso unantastbaren wie fragwürdigen Idylle. Bis er zur Formel »Und ewig singen die Wälder« verklärt und mit Begriffen wie Ewigkeit und Heiligkeit verbunden wurde.

Georg Thumbach ist nicht nur »ein vom Wald Besessener«, er ist auch ein Kenner vieler Mythen, Märchen und Riten, die im Wald angesiedelt sind und in denen der Wald eine entscheidende Rolle spielt. Er kennt die Geschichte des Waldes und seine Idealisierung. Doch er schaltet sein Wissen bewußt aus, wenn er arbeitet. Es ist wichig, dieses festzuhalten: Wenn Georg Thumbach zeichnet, dann schiebt er alles, was er über den Wald weiß, radikal beiseite. Nichts wird der eigenen Anschauung beigefügt oder hinzugedichtet. Er macht sich gleichsam leer, ist nichts als aufnahmefähig für das, was er sinnlich wahrnimmt und mit Kohle auf Papier fest­hält.

Und noch mehr: Nicht nur, daß Thumbach alles ausschaltet, was er mit der Zeit an Wissen über den Wald angehäuft hat und seine Zeichnungen von aller Symbolik und Sinnsuche frei hält, sein Bild des Waldes ist weder dämonisch aufge­laden noch in falsche Idyllik getaucht. Wald ist bei Georg Thumbach etwas anderes als der mühsam (oder gewaltsam) domestizierte Wald der Romantiker. Er ist wieder ursprünglich geworden, ohne dem Menschen wie in der Zeit der Donau-Schule aus­gesprochen feindlich gegenüberzustehen. Er ist eher abweisend als einladend. Thum­bach sucht im Walde nichts, jedenfalls nicht Heimeligkeit oder Gemütlichkeit (wie bei Georg Friedrich Kersting, in dessen Malerei die Waldeinsamkeit zur Bieder­meierstube wurde). Wenn er im Wald zeichnet, sucht Thumbach weder Bedeutung noch Erlösung. Das Einzige, zu dem er unterwegs ist, ist das Motiv seines Bildes, ist das, was er im Augenblick der zeichnerischen Tätigkeit als unabweisbar real empfin­det.

Georg Thumbach ist heute im ländlichen Fürstenzell bei Passau zu Hause. Seine Motive liegen kaum 10 oder 15 Minuten Autofahrt von seiner Wohnung ent­fernt. Auf dem Dach seines Autos hat er seine Holztafel montiert, auf die er dann vor Ort den Bogen Papier spannt (in der Regel 2 Meter x 1,52 Meter), auf den er zeichnen wird, und auf dem er dann 1:1 (oder in nur geringfügig verkleinertem Maßstab) den gewählten Ausschnitt Wirklich­keit festhält. Darüber schreibt der Künstler: »Wandernd oder nicht selten mich durchs Gebüsch schlagend suche ich nach dem, was mir Appetit aufs Zeichnen macht. Ein solcher Impuls ist sehr wichtig, bleibt aber manchmal aus. Es kann daran liegen, daß ich im falschen Wald gestöbert habe, es kann aber auch an mir liegen, daß ich den Draht einfach nicht finde – aus welchen Gründen auch immer. Damit dieser Lust­impuls aber nicht wieder von Zweifeln übertönt wird – als Mensch denkt und reflek­tiert man ja die ganze Zeit – gilt es jetzt nicht groß zu analysieren, sondern die Platte abzustellen und an einem Baum anzulehnen. Ich positioniere mich möglichst nahe am Motiv. Es wird dadurch auch emotional greifbarer. Einen Rucksack mit Zeichen­utensilien lege ich ab, packe ihn aus und es geht los. Viel Zeit bleibt nicht.«

Dem Aufsatz von Hannes Hintermeier in der FAZ sind die Reproduktionen von sechs Fotografien beigegeben, die dieses »Zeitfenster«, das dem Künstler bleibt, deutlich machen. Sie zeigen Georg Thumbach bei der Arbeit im Walde und sind im Abstand von je 15 Minuten zwischen 11.30 Uhr (die weiße Papierfläche, aufgespannt auf der mitgebrachten Holzplatte, leuchtet aus dem Dickicht heraus) und 13.09 (die Zeich-nung ist abgeschlossen, der Künstler von ihr weggetreten). Spätere Korrekturen an der Zeichnung sind nicht möglich. Abgesehen davon, daß die Stimmung des Zeichners nach seiner Rückkehr eine ganz andere wäre als während der hinge­bungs­­vollen Arbeit im Walde, verbietet sie allein das verwendete Material. (Georg Thumbach zeichnet – ohne zu wischen – mit einem Vierkant-Kohlestift von etwa 10 cm Länge, der ohne Griff oder Stiel in seiner Hand liegt.)

Die Aufnahmen beweisen: Georg Thumbach bleibt für seine Arbeit nicht mehr als ein »Zeitfenster« von gut einer Stunde oder vielleicht maximal 11/2 Stunden. Das liegt vor allem an der sich verändernden Beleuchtung wie dem Sonnenstand, dem Wechsel des Verhältnisses von Licht und Schatten. Nur so lange diese Lichtverhält­nisse annähernd gleich bleiben, kann Thmbach an einem Blatt arbeiten. Dann muß diese Arbeit fertig sein.

Was ist auf den großen Blättern von Georg Thumbach zu sehen? Gefällte und gestürzte Baumstämme mit und ohne Sägespuren, abgebrochene Äste, geknickte Zweige – eine abweisende, unzugängliche Wirklichkeit, in die kein Pfad hineinführt und die auch dem suchenden Blick kaum Einlaß gewährt. Eine Wand aus Bäumen und Ästen baut sich vor uns auf und steht uns entgegen. Jeder Weg in die Tiefe ist versperrt. Die Ansichten, die Georg Thumbach dem Betrachter seiner Blätter anbietet, wirken ungewohnt. Sie scheinen zunächst nicht »bildwürdig«, jedenfalls nicht bei flüchtigem Hinschauen. Aber es sind solche verweigerte Einblicke in die Realität der Dinge, die Thumbach magisch anziehen.

Er selbst schreibt: »Meine Bestandsaufnahme muß spontan und rein visuell, ohne verstandesmäßige Überlegungen vonstatten gehen. Der Prozeß des Zeichnens kann nicht rational vorweggenommen werden. … Ich reflektiere nicht. Ich lasse mich einfach mitziehen. Ich reagiere. Was ich sehe …, auch was ich spüre, bringe ich unmittelbar zu Papier. Nun lasse ich die Zügel nicht vollends fahren, ich will ja nicht im rein Gestischen landen, plötzlich feststellend, daß mir das Motiv, der Auslöser des Ganzen, entglitten ist. Sich in dieser Emotionalität immer wieder zu sammeln und zu disziplinieren, verlangt nach kurzen Pausen. Diese stellen sich immer dann ein, wenn ich vom Papier ein paar Schritte zurücktrete, um mir Überblick zu verschaffen.«

Das »Zurücktreten« von der Arbeit hat noch einen anderen Sinn. Es geht nicht nur darum, einen Überblick zu gewinnen, sondern überhaupt um Wahrnehmung des gegenständlichen Charakters der Zeichnung. Denn aus der Nähe ist dieser oft nicht mehr zu sehen. Da sind nur einzelne Striche, die sich zu Strukturen bündeln oder diese konterkarieren. Erst aus einer gewissen Distanz gibt sich die Darstellung eines Waldausschnittes als eine Verwundung oder Verletzung der Bäume zu erkennen.

Was mich an der Zeichenkunst von Georg Thumbach interessiert, ist nicht nur ihr Thema (eine neue, unerwartete Sicht des Waldes – der Wald als Dschungel, geprägt durch Gestrüpp und Unterholz) sondern auch – und dies vor allem – die Auf­merksamkeit, der Aufwand, die Sorgfalt, die der Künstler an das Machen, an den Herstellungsprozeß seiner zeichnerischen Arbeiten wendet. Thumbach nimmt seine Tätigkeit sehr ernst. Besonders beeindruckt mich die Konsequenz, die er auf die Betonung des Zeichnerischen legt – als ginge es ihm nur um die reine Zeichnung und nicht um ein bestimmtes Motiv (das nicht immer der Wald sein muß – auch ein Maisfeld, ein Grasbüschel kommen in Frage). Und dann – und nicht zuletzt – berührt mich die Ausschaltung jeder Bemühung um eine »höhere Bedeutung«. Nichts wird der Sichtbarkeit oktroyiert. Paul Cézanne forderte einmal, der Künstler dürfe bei seiner Arbeit vor dem Motiv »nicht willentlich dazwischenkommen«. Diese Forderung sehe ich bei Georg Thumbach in idealer Weise erfüllt.

(aus: georg thumbach, zeichnungen2009008, Ausst.-Kat. Ausstellungsräume Peter Ottmann, München 2009, S. 4-6)

LEHNER, Sabine Dorothée: Kunst im Bunker, in: Trans-Isar, Ausst.-Kat. Kunstbunker Tumulka München 1997, S. 8

ULLRICH, Wolfgang: Vor lauter Bäumen den Wald sehen, in: Georg Thumbach, Ausst.-Kat. Kulturmodell Bräugasse Passau 2003, S.41–43

HÖPPL, Birgit: Distanzierter Blick aus der Nähe, in: Georg Thumbach, Ausst.-Kat. Kulturmodell Bräugasse Passau 2003, S.21–23

MEISTER, Jochen: Ausgangspunkte und Entgrenzungen, in: Georg Thumbach, Ausst.-Kat. Neue Galerie Dachau 2006, S.13–16

THUMBACH, Georg: Waldarbeit, in: Der Wald als romantischer Topos (Hg. Ute Jung-Kaiser), Peter Lang AG, Bern 2008, S.323–329

BIRTHÄLMER, Antje: 4 Kohlezeichnungen, in: Jahresbericht Von der Heydt-Museum Wuppertal, Wuppertal 2008, S.48, 49

SCHMIED, Wieland: Über die Zeichnungen von Georg Thumbach, in: georg thumbach, zeichnungen 2009008, Ausst.-Kat. Ausstellungsräume Peter Ottmann, München 2009, S. 4–6

MEISTER, Jochen: HOCH TIEF, in: Nol Hennissen Georg Thumbach HOCH TIEF, Ausst.- Kat. Kunstarkaden München 2010, S.14–19

WARNING, Wilhelm: Chaos und Ordnung, in: Georg Thumbach, Chaos und Ordnung, Ausst.-Kat. Kunstverein Passau, Passau 2013, S. 5–8

HAPPE, Barbara und FISCHER, Martin S.: Ins Holz, in: Georg Thumbach, INS HOLZ, Ausst.-Zeitung Altes Straßenbahndepot Jena 2017, S. 5–5

KEAZOR, Henry: Appetit aufs Schauen. Eine Wanderung, in: Georg Thumbach, INS HOLZ, Ausst.-Zeitung Altes Straßenbahndepot Jena 2017, S. 24–28

Presse

RAMMER, Stefan: Jahresringe freilegen und hinter die Dinge schauen, in: Passauer Neue Presse, 28.11.2003, Nr.275, S.11

EITLER, Wolfgang: Nah und doch so fern, in: Dachauer SZ, 14./15.10.2006, Nr.237, S.R 5

HINTERMEIER, Hannes: Er ist aus jenem Holz geschnitzt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2008, Nr. 20, S. 40

BREYER, Nike: Thumbachs Wald, in: AD-Magazin „Best of Germany“, Ausgabe Oktober, Condé Nast Verlag GmbH, München 2008, S.164

RAPPOLD, Carina: Suche in der Grauzone, in: Passauer Neue Presse, 23.03.2013, Nr. 70, S. 25

RABENSTEIN, Edith: Wald ohne Idylle, in: Passauer Neue Presse, 05.04.2013, Nr. 79, S. 7

KOHL, Ines: Wildwuchs, in: Landshuter Zeitung, 17.04.2013, S. 51

RABENSTEIN, Edith: Filigrane Ästhetik, in: Passauer Neue Presse, 05.06.2014, Nr. 128, S. 8

GOETZ, Joachim: Kunst aus dem Dickicht, in: Abendzeitung-München, 18.02.2015, Nr. 40/8, S. 20 und in: Landshuter Zeitung, 18.02.2015, S.35

WARNING, Wilhelm: So weit das Auge reicht – Eine Einleitung, in: zur debatte, Katholische Akademie in Bayern, Ausg. 1/2015, S. 41–44

WÄCKER-BABNIK, Erika: Georg Thumbach – So weit das Auge reicht, in: Münchner Feuilleton, März 2015, Nr. 39, S. 20

MERKEL, Ulrike: Der beste Zeichner des deutschen Unterholzes, in: Thüringische Landeszeitung, 11.05.2017, S.9

HINTERMEIER, Hannes: Die Spur der Späne, in: Frankfurter Allgemeine Magazin, Mai 2017, S.70 – 72

RÜCKER, Helmuth: Dickicht im Depot, in: Passauer Neue Presse, 29.06.2017, Nr. 147, S. 31